Unsere Demokratie ist nicht bloss eine Ansammlung abstrakter politischer Institutionen und Prozesse. Sie ist auch ein Gesellschaftssystem, in dem wir ständig über unser Zusammenleben und die dafür notwendigen Rahmenbedingungen verhandeln.
Jede Demokratie lebt davon, dass die Bürger:innen mitbestimmen können. Die Schweizer Demokratie, die stark auf direkte politische Mitsprache und Subsidiarität setzt, ist darauf angewiesen, dass aktive Bürger:innen das politische Geschehen mitgestalten und sich für die Welt ausserhalb des strikt Privaten interessieren.
Während zahlreiche westliche Demokratien mit populistischen und autoritären Kräften ringen, fragen wir uns in dieser neuen Studie, wie die Situation in der Schweiz ist: Wie steht es um die Beziehung der Schweizer Stimmbevölkerung mit der Demokratie und wer wendet sich in der Schweiz von der Demokratie ab?
Die Grundlage für unsere Analyse bildet eine repräsentative Bevölkerungsumfrage, die wir im Sommer 2024 gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum für Public Management (KPM) der Universität Bern und in Zusammenarbeit mit der Stiftung Mercator durchgeführt haben.
Eine grosse Mehrheit der Schweizer:innen ist sich einig: Über 90% der Befragten finden es wichtig oder eher wichtig, in einer Demokratie zu leben.

Der Anteil derjenigen, denen es eher oder gar nicht wichtig ist, in einer Demokratie zu leben, variiert mit dem Alter: Nur 3,2% der über 65-Jährigen sagen aus, es sei ihnen nicht wichtig, in einer Demokratie zu leben. Der höchste Anteil jener, die angeben, es sei ihnen eher oder gar nicht wichtig, in einer Demokratie zu leben, finden wir unter den 25- bis 34-Jährigen (14%).
Personen, die seltener am politischen Prozess teilnehmen, finden es – wenig überraschend – auch weniger wichtig, in einer Demokratie zu leben.
Personen, die der GLP am nächsten stehen, ist es am wichtigsten, in einer Demokratie zu leben. Unter den SVP-Wähler:innen finden wir den höchsten Anteil derjenigen Personen, die der Demokratie wenig Bedeutung beimessen (jedoch auch hier nur 11,2%).
Insgesamt finden über 90% der Schweizer Stimmbevölkerung, dass es sich (eher) lohnt, an Wahlen und Abstimmungen teilzunehmen.

Es sind die 35- bis 44-Jährigen, die mit 11,9% vergleichsweise oft finden, die politische Partizipation lohne sich (eher) nicht (im Vergleich dazu die Alterskohorte 65+ mit 2,3%).
Personen, die wenig partizipieren, messen ebendieser Partizipation auch weniger Bedeutung bei. Und doch empfinden 80% der Personen, die selten abstimmen oder wählen, Abstimmungen und Wahlen trotzdem als lohnend.
Die Wähler:innen der SVP sind mit 11,6% am häufigsten der Meinung, dass es sich (eher) nicht lohnt, zu wählen und abzustimmen. Der Anteil der SVP-Wähler:innen, die klar mit «ja» antworten, ist mit knapp 60% deutlich tiefer als im Durchschnitt.
Im Fokus unserer Studie stehen zwei Variablen: die Demokratiemüdigkeit und die politische Passivität. Die Demokratiemüdigkeit misst, inwiefern es jemand wichtig findet, in einer Demokratie zu leben und ob diese Person es als lohnend erachtet, an Wahlen und Abstimmungen teilzunehmen. Der Grad an Demokratiemüdigkeit widerspiegelt, mit welcher Haltung jemand auf die Demokratie blickt. Die politische Passivität misst, zu welchem Grad jemand Abstimmungen und Wahlen fernbleibt und von politischen Aktivitäten absieht. Der Grad an politischer Passivität misst, wie sich jemand politisch verhält.

Wir stufen etwas mehr als drei Viertel der Bevölkerung als nicht demokratiemüde ein. Knapp 15% weisen einen mittleren Grad an Demokratiemüdigkeit auf. Knapp 10% stufen wir als fortgeschritten demokratiemüde ein.

Wir stufen rund 11% der Bevölkerung als politisch stark passiv, knapp 17% als eher passiv, knapp 34% als weder passiv noch aktiv, rund 24% als eher aktiv und 14% als politisch sehr aktiv ein.
Um besser zu verstehen, welche Faktoren begünstigen, dass jemand demokratiemüde und politisch passiv ist, haben wir statistische Regressionen gerechnet. Für mehrere soziodemografische und demokratiepolitische Faktoren haben wir einen statistisch signifikanten Zusammenhang sowohl mit der Demokratiemüdigkeit als auch mit der politischen Passivität gemessen.
Politisches Interesse durch politische Bildung wecken: Gefragt sind Massnahmen, welche das politische Interesse der Bevölkerung wecken und stärken – und dies idealerweise bereits in einem jungen Alter. Neben der klassischen, formalen und non-formalen politischen Bildung sollen gerade (junge) Menschen Politik auch möglichst lebensnah erproben und erleben können. Formate wie Debattierwettbewerbe, partizipative Podien oder auch deliberative Formate wie Bürger:innen-Räte zeigen, wie eine respektvolle Debatte und kollektive Entscheidfindung funktionieren können.
Vertrauen in die Regierung durch besseren Leistungsausweis stärken: Wenn es dem Bundesrat – im Zusammenspiel mit Parlament und Verwaltung – durch seinen Leistungsausweis vermehrt gelingt, von der Bevölkerung als lösungs- und zukunftsorientiert eingeschätzt zu werden, kann er das Vertrauen der Schweizer:innen in die Demokratie stärken und verhindern, dass sich grössere Teile der Schweizer Bevölkerung von der Demokratie abwenden.
Umgang mit Anderen pflegen: Der Austausch auf Augenhöhe kann dazu beitragen, Vorurteile ab- und gegenseitiges Verständnis aufzubauen. Andersdenkenden mit einem gewissen Verständnis und Wohlwollen entgegenzutreten, ist die Basis für Kompromissfähigkeit über politische und gesellschaftliche Gräben hinweg. Strukturierte Dialogformate bieten eine Möglichkeit, einen solchen Austausch zu ermöglichen. Auch ehrenamtliches Engagement bringt Menschen aus verschiedenen Lebenswelten zusammen. Nicht zuletzt sind auch Unternehmen Orte, an denen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen und Hintergründen zusammenkommen und damit ein idealer Begegnungsraum für Austausch.
Partizipationsressourcen stärken: Die Bereitschaft und auch die praktischen Möglichkeiten, sich politisch zu engagieren und zu informieren hängen sowohl vom politischen Wissen als auch von den verfügbaren materiellen und immateriellen Ressourcen (insbesondere Zeit und soziale Netzwerke) ab. Diese Ressourcen sind ungleich verteilt. Wenn wir als demokratische Gesellschaft dafür sorgen wollen, dass politische Teilhabe möglichst allen Bürger:innenoffensteht, müssen wir insbesondere wirtschaftlicher Prekarität entgegenwirken.





