In der Schweiz haben wir eine ausgeprägte Debattenkultur. Wir sind gewohnt, ja aufgefordert, uns drei bis viermal im Jahr eine Meinung zu einem breiten Spektrum von Themen zu bilden, unterschiedliche Positionen abzuwägen und auszudiskutieren und uns für die eine oder andere zu entscheiden. Die Demokratieinfrastruktur als Grundgerüst der Schweiz ist fest etabliert, langjährig erprobt und geniesst mehrheitlich grosses Ansehen bei der Bevölkerung und darüber hinaus (Narrativstudie).
Gleichzeitig stellen wir fest, dass es mit unserer Gesprächskultur nicht so gut steht und dass das Vertrauen in die Fähigkeit zur gemeinsamen Lösungsfindung auf einem Tiefpunkt ist. In unserer Polarisierungsstudie konnten wir messen, dass die affektive Polarisierung – also die emotionale Ablehnung von anderen Personen aufgrund derer Meinung – in der Schweiz sehr ausgeprägt ist. Die Studie hat gezeigt, dass die affektive Polarisierung drei Haltungen fördert, welche negative Auswirkungen auf die Demokratie haben: Sie schwächt die Kompromissbereitschaft, verringert die Wahrscheinlichkeit, dass jemand den Austausch mit Andersdenkenden als wertvoll erachtet und erhöht die Bereitschaft, die jeweils unbeliebteste Partei aus Diskurs und Wahlen auszuschliessen. 35% der Bevölkerung geben an, dass sie bereit wären, die ihnen unsympathischste Partei aus dem politischen Diskurs auszuschliessen (z. B., dass diese bei öffentlichen Debatten nicht mehr eingeladen würde).
Wenn sich Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten nicht mehr als legitime Gesprächspartner:innen anerkennen, verlieren sämtliche demokratischen Instrumente ihre Grundlage. Denn eine funktionierende Demokratie ist darauf angewiesen, dass wir komplexe gesellschaftspolitische Fragestellungen gemeinsam verhandeln und uns auf Massnahmen einigen können. Gerade in herausfordernden Zeiten ist dies potenziell schwieriger, da es mehr zu verlieren gibt und weniger Kompromissbereitschaft da ist. Ohne Gespräch keine Deliberation, keine Verständigung, kein Vertrauen und keine Handlungsfähigkeit.
Demokratie lebt nicht von ihrer Infrastruktur alleine, sie braucht auch eine Kultur. Eine Kultivierung der Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen und demokratische Prinzipien im Alltag leben. Erst durch die Kultur werden die demokratischen Institutionen gestützt und ihre Instrumente nutzbar. Wir zeigen in diesem Beitrag auf, wie Dialog zu dieser Demokratiekultur beitragen kann.
Unter Dialog verstehen wir eine Form des Gesprächs, die darauf ausgerichtet ist, einander wirklich zuzuhören, unterschiedliche Perspektiven nachvollziehbar zu machen und die Erfahrungen, Bedürfnisse und Bedeutungen hinter Positionen zu verstehen. Dialog zielt dabei nicht primär auf einen Meinungswechsel, sondern auf gegenseitiges Verständnis und die Fähigkeit, trotz unterschiedlicher Perspektiven miteinander im Gespräch und handlungsfähig zu bleiben. In Dialogprozessen wird dafür ein strukturierter und moderierter Rahmen geschaffen, der auch bei starken Meinungsverschiedenheiten oder Spannungen Verständigung und Zusammenarbeit ermöglicht. Eine genauere Beschreibung unserer Arbeitsweise haben wir im kürzlich publizierten Methodenleitfaden ausgeführt.
Die folgenden Wirkungsebenen von Dialog sind stark ineinander verwoben. Sie sind voneinander abhängig, komplementär und ermöglichen sich gegenseitig.
Unsere Demokratie baut zu grossen Teilen auf Deliberation auf, also der Fähigkeit, stichhaltige Argumente zu entwickeln, diese zu diskutieren und abzuwägen und darauf aufbauend politische Entscheidungen zu treffen. Wir gehen oft davon aus, dass ein gutes (politisches) Gespräch dann stattgefunden hat, wenn die Teilnehmenden durchdachte Argumente vorbringen, sich auf vertrauenswürdige Quellen beziehen und das Persönliche weitestgehend ausblenden, also “sachlich diskutieren”. Ziel ist es, nach Habermas, dass das „bessere Argument”, allein durch die Überzeugungskraft (und nicht durch Macht, Status oder Manipulation) gewinnt.
Es wird auch weitgehend akzeptiert, dass sachliche Argumente mit einer gewissen Emotionalität vorgebracht werden, also eine Art lebendiger Kampf um das beste Argument stattfindet. Dieser Wettkampf um das bessere Argument ist ein Kernelement unserer Demokratie. Dabei setzt Deliberation allerdings voraus, dass Menschen überhaupt bereit und in der Lage sind, miteinander ins Gespräch zu kommen, einander zuzuhören und unterschiedliche Perspektiven ernsthaft zu prüfen. Krisen, grosse gesellschaftliche Umbrüche und komplexe Herausforderungen stellen diese Bereitschaft auf die Probe und können dazu beitragen, dass sich mehr Menschen aus der politischen Teilhabe zurückziehen.
Genau dort setzt der Dialog an. Er bietet den Rahmen, in dem ein Austausch auch bei starken Meinungsdifferenzen, bei starker gegenseitiger Ablehnung (sogenannter affektiver Polarisierung) und sogar bei allfälligen vorangehenden gegenseitigen Anfeindungen stattfinden kann. Damit schafft Dialog die Voraussetzung für Deliberation und Teilhabe.
[Bild] Dialog und Deliberation im Vergleich
Die Begriffe “Deliberation” und “Dialog” werden im Alltag oft sehr vage verwendet und mit unterschiedlichsten Vorstellungen und Theorien verknüpft. Die folgende Tabelle zeigt auf, wie sie sich in Ziel, Fokus und Aktivitäten (unter anderen Elementen) unterscheiden. Die Ansätze sind eng miteinander verbunden und es gibt sowohl dialogische Elemente in deliberativen Prozessen als auch deliberative Elemente in Dialogprozessen.
Zusammengestellt gemäss Argumentationsweise in Democratic Dialogue: A Handbook for Practitioners (UNDP) und eigenen Ergänzungen.
Vielfältige neue Formen der Kommunikation, die mit dem technologischen Wandel in den letzten 40 Jahren entstanden sind, haben zu einer Explosion der Kommunikation geführt. Doch was wir vor allem brauchen, ist nicht mehr Kommunikation, sondern mehr Verständigung. Insbesondere bei komplexen gesellschaftspolitischen Fragestellungen sind wir auf die Fähigkeit angewiesen, uns über Meinungslager hinweg zu verständigen, um gemeinsam nachhaltige und inklusive Lösungen zu entwickeln. Dafür reicht der Austausch von Positionen allein oft nicht aus. Wahrnehmungen, Erfahrungen, Gefühle und Weltbilder prägen jede und jeden von uns darin, wie wir Ereignisse deuten, welche Argumente wir überzeugend finden, mit wem wir ins Gespräch kommen und ob und wie wir uns in der Demokratie einbringen. Verständigung bedeutet nicht, mit der Position einer anderen Person einverstanden zu sein, sondern dass wir nachvollziehen können, warum Menschen dieselben Fakten unterschiedlich interpretieren und zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen gelangen.
Dialog schafft die Voraussetzungen für dieses Verständnis. Er verschiebt den Fokus des Gesprächs von der Frage, was jemand denkt und wer recht hat, hin zur Frage, warum ein Anliegen für jemanden bedeutsam ist. So werden die Erfahrungen, Interessen und Bedürfnisse hinter politischen Positionen sichtbar. Dabei treten diese persönlichen Erlebnisse nicht an die Stelle sachlicher Argumente. Vielmehr ermöglicht Dialog, dass der Kontext, in dem eine Meinung entstanden ist, in die Diskussion einbezogen wird. Dialog eröffnet damit einen gemeinsamen Lernprozess auf drei Ebenen: Wir lernen nicht nur mehr über den Sachverhalt, sondern auch über andere Menschen und über uns selbst. Diese Form des gemeinsamen Lernens stärkt die Fähigkeit einer Demokratie, sich weiterzuentwickeln und Lösungen für komplexe Herausforderungen zu finden.
Unsere eigenen Erhebungen haben uns gezeigt, dass fast 38% der Schweizer:innen finden, es wäre besser für die Schweiz, wenn ihre jeweiligen politischen Gegner:innen vom politischen Prozess ausgeschlossen wären. Aus der fehlenden Bereitschaft, der ihnen unbeliebtesten Partei politische Verantwortung zu übertragen, können wir schliessen, dass diese Personen kein oder sehr wenig Vertrauen in ihre politischen Gegner:innen haben. In einer Vielparteien-Demokratie, wie die Schweiz eine ist, ist es praktisch unumgänglich, dass auch unsere politischen Gegner:innen mitreden, sei es in Parlament, Verwaltung oder bei Abstimmungen. Unsere Demokratie kann also nur funktionieren, wenn ein Minimum an Vertrauen den anderen Akteur:innen gegenüber gegeben ist. Dialog ermöglicht einen ersten Baustein zu legen, um Vertrauen schrittweise wieder aufzubauen und zwar auf zwei Ebenen:
Erstens ermöglicht der Dialog Beziehungsdynamiken, Spannungen und Verletzungen zu thematisieren und zu entschärfen. Dadurch wächst das Vertrauen in andere Personen und Gruppen, die gegenseitige Anerkennung als legitime Gesprächspartner:innen kann wieder entstehen und die Beziehungen untereinander können verbessert werden. Gelingt es, die Beziehungen zwischen den Akteur:innen nachhaltig zu verändern, verbessert sich auch die Qualität des Austauschs und der daraus entstehenden Entscheidungen. (Beziehungsvertrauen)
Zweitens erleben die Teilnehmenden in einem Dialog, dass sie trotz unterschiedlicher Positionen und gegenseitiger Verletzungen wieder miteinander kommunizieren und kooperieren können. Diese Erfahrung stärkt das Vertrauen der Gruppe in ihre Fähigkeit, gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln. An die Stelle der Haltung «Solange die dabei sind, finden wir ohnehin keine Lösung» tritt die Erfahrung, dass Zusammenarbeit trotz Differenzen möglich ist. (Kooperationsvertrauen)
Aus der Konfliktarbeit wissen wir, dass starke emotionale Aktivierung (z. B. bei Stress oder im Konflikt) jene kognitiven Prozesse erschwert, die für Perspektivenübernahme, Reflexion und komplexe Problemlösung wichtig sind. Ein wichtiger Auslöser für eine solche Aktivierung des Nervensystems ist, dass sich die einen durch die anderen nicht gehört fühlen (“Du hörst mir nie zu!”). Erst wenn sich eine Person in ihren Anliegen ernst genommen und wirklich gehört fühlt, ist sie wieder fähig und bereit, auch anderen zuzuhören. Für unsere Demokratie ist wichtig, dass wir Mechanismen haben, die uns helfen aus dem Krisen- und Stressmodus zurück in einen entspannteren Modus zu finden und dass nicht nur alle mitreden können, sondern auch alle ernsthaft gehört werden.
Dialog ist darauf ausgelegt, Spannungen zu deeskalieren und Beteiligte in einen ruhigeren Zustand zurückzuführen. Zum einen können die vorher beschriebenen Verständigungs- und Vertrauensprozesse zu einer Deeskalation beitragen. Zum andern, und hierin unterscheidet sich der Dialog stark von anderen Methoden, legt er einen starken Fokus auf das Gefühl des Gehörtwerdens und schafft einen Raum, in dem die Beteiligten sich sicher genug fühlen, ihre starken Gefühle, persönlichen Erfahrungen, Verletzungen und Frustrationen auszudrücken. Im Verlauf dieser Aussprache unterstützt das Moderationsteam dabei, die Interessen und Bedürfnisse, die sich hinter diesen Aussagen und Gefühlen verbergen zu identifizieren und zu benennen. So können diese von den anderen Beteiligten gehört und nachvollzogen werden. Durch diese sorgfältige Begleitung können Kommunikationshindernisse aus dem Weg geräumt werden, ohne dass dabei neue Verletzungen entstehen und die Personen finden allmählich in einen Zustand zurück, in dem sie wieder sachlich miteinander sprechen können. Dadurch wird es möglich, die Blockaden auf der Meinungsebene zu überwinden.
Die vier beschriebenen Wirkungsebenen sind stark voneinander abhängig und lassen sich schwer in eine lineare Abfolge einordnen. Sowie das zunehmende Vertrauen die Handlungsfähigkeit stärkt, so stärk die Handlungsfähigkeit auch das Vertrauen. So wie der Beziehungsaufbau die Verständigung fördert, so fördert die Verständigung auch den Beziehungsaufbau etc.
Dialog ist nicht ein Ersatz für andere Mechanismen, sondern bildet als Haltung, Praxis und Methode eine Grundlage für eine funktionierende Demokratie, die dann ihre Wirkung entfalten kann, wenn sie gut verbunden ist mit anderen politischen Instrumenten und Prozessen. Uns ist bewusst: Neben den vielen Chancen, die Dialog bietet, bringt die Arbeit mit Dialog auch sehr schwierige Fragen mit sich.
Dialog ist weit mehr als eine Methode. Er ist eine ständige Suche nach dem richtigen Gleichgewicht – und ein fortwährendes Neuverhandeln dessen, was ein guter Dialograhmen braucht.
Wir haben gesehen: Demokratische Institutionen allein reichen nicht aus. Demokratie braucht auch eine Demokratiekultur. Dialogarbeit ist unabdingbarer Bestandteil dieser Demokratiekultur. Sie sorgt für Vertrauen, Verständigung, Deliberationsfähigkeit, verbesserte Beziehungen, eine gemeinsame Lernkultur und mehr Handlungsfähigkeit – und schafft damit die Voraussetzungen für demokratische Prozesse, deren Kern das gemeinsame Aushandeln und die gemeinsame Problemlösung ist.
Dialog lebt davon, dass wir ihn praktizieren, kultivieren und immer wieder neu denken. Er bedingt ein permanentes Lernen und Anpassen an die aktuelle Zeit, die aktuellen Herausforderungen und die aktuelle Bevölkerung.
In diesem Sinne verstehen wir diesen Debattenbeitrag nicht als Abschluss, sondern als Einladung, gemeinsam Dialog und Demokratie weiterzuüben und zu kultivieren.
Pruitt, Bettye / Thomas, Philip (2007). Democratic Dialogue: A Handbook for Practitioners. United Nations Development Programme (UNDP). Verfügbar unter: https://www.undp.org/sites/g/files/zskgke326/files/publications/es/democratic%20_dialogue.pdf
Splinter, Dirk / Wüstehube, Ljubjana (2020). Mehr Dialog wagen! Eine Ermutigung für Politik, gesellschaftliche Verständigung und internationale Friedensarbeit. Wolfgang Metzner Verlag.
Ropers, Norbert (2017). Basics of dialogue facilitation. Berghof Foundation. Verfügbar unter: https://berghof-foundation.org/library/basics-of-dialogue-facilitation
John Paul Lederach (2003). Conflict Transformation. Clear articulation of the guiding principles by a pioneer in the field. Good Books.
Jaspers, Lisa / Ryland, Naomi / Velazquez Reve, Soraida (2025). Radical Transformation. Wie das Wissen über Gefühle die Welt verändern kann. Ullstein Hardcover Verlag.
Hinnen, H. & Krummenacher, P. (2012). Grossgruppen-Interventionen. Konflikte klären – Veränderungen anstossen – Betroffene einbeziehen. Schäffer-Poeschel Verlag.
Kahraman, Nesibe (2024). Alles, was dazwischen liegt. Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG.
Maté Gabor/Maté Daniel (2025). Der Mythos des Normalen. Wie unsere Gesellschaft uns krank macht und traumatisiert – Neue Wege zur Heilung . Penguin TB Verlag.



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